Autor: Dr. Lutz Herrschaft

(Vorabpublikation aus: Au/Wasner (Hg.): Der Mensch ist frei. Lesebuch für Literatur aus Rheinland-Pfalz, Würzburg 2018, mit freundlicher Genehmigung des Verlags Königshausen&Neumann)

 

Schwarzen Dings oder Wäre DADA ein Tier, dann wäre es eine Fliege

 

Hugo Ball: „Als mir das Wort DADA begegnete, wurde ich zweimal angerufen von Dionysius. D.A. – D.A.“.

Kurt Flasch: „Man kann einwenden, das sei ein dadaistischer aber kein gedanklicher Zusammenhang zwischen DADA und Dionysius Areopagita. Ich antworte: Der Dadaismus ist auch zu dem Zweck erfunden worden, unser gewöhnliches Konzept von gedanklichem Zusammenhang zu erweitern.“

 

Im Jugendclub wird es still. Im Visier alkoholisierter Glotzstarre setzen wir uns und bestellen Bier, die Trinker senken die Köpfe und beglotzen die Tischplatten. Der Wirt stellt uns zwei schmierige Gläser hin, 0,2 Liter, darin eine annähernd colafarbene Brühe ohne Schaum. Auf meiner Brühe schwimmt eine tote Fliege, ziemlich fett, sie wird zu ihren Lebzeiten ordentlich Radau gemacht haben. Ich moniere das Getränk, erhalte eine Brühe ohne Fliege, nehme einen Schluck und versuche, die Flüssigkeit in meinem ansozialisierten Geschmacksspektrum zu verorten. Das mißlingt und ich vermute, daß das Zeug aus einem Chemiekombinat stammt. Wir lassen die fast vollen Gläser stehen, zahlen 43 Pfennig pro Glas und gehen. Durch die geschlossene Tür hören wir, wie die Gespräche im Jugendclub wieder aufgenommen werden.

Die Begebenheit hat sich Mitte der 80er Jahre in einer „Jugendclub“ genannten DDR-Dorfkneipe zugetragen. Man hatte uns als Westler erkannt und dies mit einer Fliege kommentiert. Ein Stillleben; bei den alten Meistern saßen die Fliegen noch auf Totenschädeln, der Ostwirt hatte sie auf Analog-Bier drapiert, quasi DADA-Version des Vanitas-Motivs. Aber ich greife vor.

Es gibt die dipterologische und die kulturelle Fliege. Erstere ist ein Individuum, das von Taxonomen gefangen, getötet und präpariert wird. Vor allem anhand winziger Genitalpartikel bestimmt der Forscher dann die Art, weshalb ein Dipterologenkind auf die Frage, was sein Papa denn so tue, antwortete Geschlechtsteile zerschneiden, woraufhin das Jugendamt bei der Familie vorbeischaute.

Den Status der kulturellen Fliege zu bestimmen ist schon schwieriger. Es ist ähnlich wie beim rätselhaften Gavagai des Logikers Quine; man kann nicht entscheiden, ob das Denotat die Fliege, das nicht abgetrennte Fliegenteil, das zeitliche Fliegenstadium oder die Fliegenheit als solche ist. Doch diesseits solcher Unbestimmtheit, die ein proprium geisteswissenschaftlicher Beschäftigung mit diptera sein mag, hatten viele Dichter einfach Spaß am Gegenstand, unter anderem Christian Morgenstern, Joachim Ringelnatz, Wilhelm Busch, Robert Gernhardt sowie, sehr lesenswert: Heinz Erhardt und Ernst Jandl. Andere Autoren wiederum haben sich an der Fliege geradezu abgearbeitet, prominent Robert Musil im „Fliegenpapier“, das einen Regalmeter germanistischer Dissertationen generiert hat. Mehr noch: Es gibt sogar eine an Umfang zwar schmale, aber dennoch anregende Sekundärliteratur zum Komplex Literaturfliege als solche[1].

Daß die kulturelle Fliege in nuce dadaistisch sei, wurde m.W. bislang noch nicht behauptet, weshalb ich mir die Lizenz für diese These erteile und beliebige Belege feilbiete, fürs erste diese:

Erstens. Das letztgültige Fliegengedicht stammt von Ernst Jandl, den man einen verkappten Spätdadaisten nennen kann (Schtzngrmm etwa hätte prima ins Cabaret Voltaire gepasst). Es nennt sich „Morgenfeier“.

einen fliegen finden ich in betten

ach, der morgen sein so schön erglüht

wollten sich zu menschens wärmen retten

sein aber kommen unter ein schlafwalzen

finden auf den linnen ich kein flecken

losgerissen nur ein zartes bein

und die andern beinen und die flügeln

fest an diesen schwarzen dings gepreßt

der sich nichts mehr um sich selbst bemüht

ach, der morgen sein so schön erglüht

Verfaßt in einen heruntergekommenen Sprachen (Jandls konzeptueller Frühform der Kanaksprak), kann dieses Gedicht als Hegel’sche Aufhebung hölderlinscher Dithyramben gelten – wie Hugo Balls Lautgedicht „Karawane“ als Aufhebung katholischer Jeremiaden. Bei Jandl geht’s um einen Fliegen, bei Ball möglicherweise um Elefanten. Wenn das keine doppelte analogia proportionis ist.

Zweitens: Balls ewig gültiges Punkmotto: „Orgiastische Hingabe an den Gegensatz all dessen, was brauchbar und nutzbar ist“. Aber welche Insekten könnten Gegenstand einer orgiastischen Hingabe sein? Wohl kaum Bettwanzen oder Wespen, die nur schaden und weh tun, also nix Hingabe. Auch Schmetterlinge nicht, ihnen geben sich zwar Viele hin, doch stets kontemplativ, nie orgiastisch (auf das fast bedeutungsgleiche dionysisch komme ich noch zu sprechen). Aber die Fliegen, auf deren ewige Morgenfeier der Abwesenheit von Sinn der Mensch mit Mordfantasien und endlich mit Jandl’schem Schlafwalzen reagiert. Obwohl sie ihm nichts tun (zumindest gilt dies für die Stubenfliege, dem Paradigma der kulturellen Fliege), sondern nur Summen, Saugen, Sichvermehren sind. Orgiastisch in deren Bann gezogen wird der Mensch zum Trottel, also einem Liebenden ähnlich (Beispiele dafür weiter unten). Gerät in den Sog dessen, was „Gegensatz“ zu „brauchbar und nutzbar“ ist. Dem würden Dipterologen widersprechen und darauf hinweisen, daß Fliegen in einem Ökosystem eine Funktion haben. Doch zumindest mit Blick auf die Fliege werden C.P. Snows  „Zwei Kulturen“ ewig währen, es gäbe keine kulturelle Fliege, wenn alle Menschen Dipterologenhirne hätten. Hätte, hätte, Nahrungskette[2].

Drittens. Der Ex-Boß von DADA Köln, Max Ernst, verfertigte 1942 ein Gemälde mit dem Titel: Junger Mann, gereizt durch den Flug einer nichteuklidischen Fliege. Antike Geometrie ohne Parallelenaxiom, das ist nichteuklidisch. Klingt geil, aber eine nichteuklidische Fliege ist genauso gaga wie eine euklidische. Der Bombast des Titels in Verbindung mit der Albernheit des Inhalts, klarer Rückfall in den Dadaismus. Und warum fällt der Maler zurück, Jahrzehnte später? Vermutlich, weil ihn eine Atelierfliege genervt und in die Reminiszenzfalle gelockt, das DADA-Tier ihn heimgeholt hat, nach Köln 1919.

Viertens. In Tristan Tzaras Theaterstück Mouchoir de nuages wird die kulturelle Fliege zum Schein gefangen, um sie sogleich als Ironisch, Klar, Unwissend und Belästigend zu titulieren[3]. Und was sind IKUB und DADA? In Neuguinea gebräuchliche Namen für Geschmeiß.

Fünftens. 100 Jahre nach der Gründung des Cabaret Voltaire wurde die katholische Kirche des pfälzischen Dorfes Reifenberg von einer Fliegenplage apokalyptischen Ausmaßes heimgesucht. Der Herr der Fliegen (dazu weiter unten Instruktives) hatte sein Heer gesandt, das Innere der Dorfkirche ward mit einem schwarzen Dings überzogen (hier eindeutig: die Fliegenheit als solche), der Gottesdienst wurde eingestellt und schließlich ein Kammerjäger geholt. Reifenberg liegt 11 Kilometer Luftlinie von Pirmasens entfernt, der Geburtsstadt Hugo Balls, das schaffen Stubenfliegen locker. Hätten die Tiere eine Pirmasenser Kirche besetzt, wäre es nicht haarscharf daneben und folglich nicht DADA gewesen.

Soweit die Belege. Aber sie sind nur Vorwand. Es geht mir darum, junge Menschen zu motivieren. Sie sollen den Fliegenschiß auf Literatur, Film, Bildende Kunst und Musik katalogisieren, klassifizieren, meinetwegen taxieren. Solch ein Projekt wäre einer Exzellenzuniversität würdig, gelänge es denn, die Geldgeber davon zu überzeugen, daß wirtschaftlicher Nutzen oder zumindest die Freilegung jahrhundertelang unterdrückter Möglichkeiten daraus folgte. Doch anders als ein Doyen der Autokennzeichenforschung oder ein doctor subtilis der Fitnessökonomie steht ein Zergliederer der kulturellen Fliege nach Bologna unter Dadaismusverdacht. Sechster Beleg.

Aber die jungen Menschen sollen sich dadurch nicht irre machen lassen, sie sollen den Weg der Wissenschaft gehen. Im Folgenden drei Tipps für künftige Baccalaureate an der Emmelshausen University of applied Sciences. Der weiteren Erforschung harren:  Heribert Pilch, die niederländische Familie und the Human Fly. Zunächst zu Heribert Pilch.

Dieser war ein ebenso glücklicher wie mächtiger Mann, der sein ruhiges Leben durch Rumschreien und das Erteilen idiotischer Befehle kolorierte. Um sein Glück auf Dauerfeuer zu stellen, hatte sich Heribert Pilch zwei Todfeinde gesucht. Der Feind der späten Jahre war ein Kaffeeautomat, er soll uns hier nicht weiter beschäftigen. Der Feind der frühen Jahre waren Fliegen.

Pilch: Hab Di scho gheert, du Biest. Brauchst Di gar net versteckn!

Pilchs Obsession verhinderte, obsessionsüblich, daß er jenen Aufgaben nachkam, die seine Stellung implizierte.

Pilch: Also, wo isser?

Untergebener: Ja, also, unser Mörder …

Pilch: Nix Mörder! Mein Fliegenpracker will I! (Pracker wienerisch für Klatsche).

Beim Versuch, eine Stubenfliege zu klatschen, stürzte Pilch in die Tiefe. Das Tier hatte sich auf sein Bürofenster gesetzt, Pilch hatte Anlauf genommen, mit der Klatsche ausgeholt und war durchs Fenster gebrochen. Wie alle Comicfiguren überlebte auch Pilch den Sturz. Mindestens zwei Mal.

Pilch: Wos is des?

Untergebener: Des is der Franzi.

Pilch: ??

Untergebener: Die Fliegn heißt Franzi.

Pilch: Auf sowas bin ich immer vorbereitet (entfaltet eine ausklappbare Fliegenklatsche).

Untergebener: Des hat kaan Sinn, die Fliegn is ausgstopft .

Pilch (entgeistert): Ausgstopft??

Untergebener: Des is a Hobby vom Schrammel (Schrammel = weiterer Untergebener)[4].

Pilchs Büro überzog eine Art Ganzkörpertattoo aus Fliegenzeichnungen, Fliegenmodellen, Präparaten, dipterologischer Fachliteratur, Fliegenklatschen- und Fallen. Er wollte sich dem Feind anverwandeln, ihm ins Fliegenhirn kriechen, wollte ihn kennenlernen, um ihn zu vernichten.

Pilch: Dich derwisch ich noch (adressiert an die Fliege, die nicht abgetrennten Fliegenteile, die zeitlichen Fliegenstadien sowie die Fliegenheit als solche).

Nach einem Psychiatrieaufenthalt wurde Pilch befördert; ein neues, größeres Büro wartete auf ihn. Nach therapieinduziertem Lesen des Buches „Nur Fliegen sind schöner“ sowie therapieinduziertem Hören des Schlagers „Loco Mosquito“ begann Pilch mit der Vernichtung seiner Sammlung von Ikonen des Bösen; in einem Autodafé gingen die Fliegenmodelle in Flammen auf. Pilch verfiel in irres Lachen, gefolgt von Weinen, verließ sein altes Büro, aktivierte den Feuermelder und steckte sich einen Babyschnuller in den Mund.

Pilchs Verhalten kann als dipterophobe Subspezies des gemeinen Caesarenwahns gelten, gleicht es doch dem des römischen Kaisers Domitian, der sich in seinen schwarzgalligen Stunden einschloß und nichts anderes tat, als Fliegen zu fangen und diese mit einem angespitzten Schreibgriffel zu durchbohren. Polizeipräsident h.c. (ehedem „noch Oberstleutnant“)  Heribert Pilch war eine Nebenfigur der genuin dadaistischen und folglich deutsche, an „Derrick“ und „Der Alte“ geschulte Zuschauer verwirrt und/oder erbost zurücklassenden österreichischen Krimiserie „Kottan ermittelt“.

Das dadaistische Fernsehen lehrt uns, daß die kulturelle Fliege die Melancholie der Macht in eine Beförderung transformiert. Das dadaistische Kino aber lehrt uns, daß sie die Transzendenz der Ohnmacht in ein Massaker transformiert. Ein Beispiel aus den Niederlanden.

Eine Familie in einer Windmühle. Vater, Mutter und zwei Söhne beim Tischgebet, eine Funzel flackert. Ein Tableau, angelehnt an van Goghs „Kartoffelesser“. Allerdings sitzt die fünfte Person, der Großvater, abseits und zählt Geld. Zudem hängen, ebenfalls anders als bei van Gogh, mehrere Fliegenfänger an der Funzel, knapp über den Tellern. Die Mutter ist spiritueller Kapo der Familie (der Vater wird sich später erhängen). Doch ihr Gebet ist eine Prüfung, eine Anfechtung. Über die gefalteten Hände, über das entrückte Gesicht krabbeln Fliegen. Diese wiederum interessieren die Söhne weit mehr als das Gebet. Der eine Sohn hat sich dem Töten, der andere dem Beobachten der Tiere verschrieben. Das Tischgebet endet in einem Desaster. Der Versuch, die auf dem Stiel eines im Brei steckenden Löffels sitzende Fliege zu erschlagen, endet mit einem besudelten Großvater (der folglich mit dem blasphemischen Geldzählen aufhört). Der Mutter wird ins Gesicht geschlagen (auf der Wange der Betenden saß eine Fliege). Schließlich wandelt sich der Kopf des Töten-Sohns in ein unappetitliches Gemenge aus Fliegenfallenkleister, toten Tieren und schweißnassem Gesicht hinter zentimeterdicken Brillengläsern; sein Beobachter-Bruder versucht ihn zu befreien, aber da ist die Verstrickung schon heillos geworden. Dieses Fliegeninferno dauert ganze drei Minuten. Später wird eine Kaffeekanne mit dem Beil zerhackt, auf dem Deckel saß eine Fliege. In einem Traktat über Hirnanatomie (der Beobachter-Bruder ist mittlerweile Psychiatrieinsasse) krabbelt eine Fliege über die Abbildung eines Schädels. Auf einem Familienfoto, glücklichere Tage der Windmühleninsassen abbildend, sitzt eine Fliege – es wird zerschlagen.

Dank youtube kann man den niederländischen Film „Der Illusionist“ (1983, Regie: Jos Stelling) wieder sehen, einen Film ohne Worte, allerdings geben die Darsteller allerlei tierartige Geräusche von sich. „Der Illusionist“ ist die einzige mir bekannte cineastische Annäherung an die kulturelle Fliege; eine anrührende Szene der Eingangssequenz von „Spiel mir das Lied vom Tod“ sei als Reminiszenz an Sternes Tristram Shandy sowie Jean Pauls gehässige Replik in den Flegeljahren[5] immerhin vermerkt: Die im Revolverlauf gefangene Fliege wird freigelassen, this town is big enough for both of us. Dagegen lasse ich das Horror-Epos „The Fly“ (1958, Remake 1986) nicht gelten: Wenn ein mad scientist beim „Teleportieren“ zur Fliege mutiert (weil eine solche beim Selbstversuch des Wissenschaftlers mit im High-Tech-Käfig hockt), dann hätte er genau so gut zur Bettwanze mutieren können. Aber die Vermutung liegt nahe, daß „The Fly“ den besten Fliegensong der Popgeschichte (sorry, Campino) inspiriert hat, „Human Fly“ der US-Band The Cramps.

Well, I’m a human fly

It’s spelt F-L-Y

I say buzz, buzz, buzz and it’s just because

I’m a human fly and I don’t know why

I got ninetysix tears in ninetysix eyes

I got a garbage brain, it’s driving me insane

And I don’t like your ride, so push that pesticide

And baby I won’t care cause baby I don’t scare

Cause I’m a reborn maggot using germ warfare

Rockin’ Zzzz

I’m a human fly

It’s spelt F-L-Y

I say buzz, buzz, buzz and it’s just because

I’m an unzipped fly, and I don’t know why

And I don’t know why, but I say

Buzz … ride tonight

And I say buzz – rocket ride

And I say buzz – I don’t know why

I don’t know. I just don’t know why

Das Krabbeln einer Fliege als vollendete Koketterie – man vergleiche die getupfte Gitarrenlinie von „Human Fly“ mit „Boris the spider“ von The Who. Grazie  vs. Grobianismus. Die dipterologisch unsinnige Formulierung von den „96 Tränen in 96 Augen“ ist eine Reverenz bzw. popkulturell übliche Referenz: „96 tears“ nannte sich ein chartbuster aus den 60ern.

Soweit die Hinweise auf Desiderate der Forschung. Doch kehren wir kurz zurück zum „Illusionisten“ und zu meiner These. Daß Fliegen ein Gebet (1) zerstören, (2) in Humor konservieren und es (3) moralisch veredeln (das Geldzählen endet, die Brüder helfen sich) – also Hegel’sch aufheben, zeugt zum einen von der Gebetsnähe DADAS resp. der DADA-Nähe jeden Gebets (man erinnere sich des Punkmönchs Hugo Ball). Und zum anderen vom legeren Umgang des Regisseurs mit dem Beelzebub-Motiv, das bleischwer auf der kulturellen Fliege lastet. Hierzu ein Exkurs am Leitfaden der heute gängigen Enzyklopädie.

Wie die hebräische Verbaalhornung Beel-Zebub (oder –Zebul) auch immer entstanden sein mag, welche Konnotationssedimente sich in endlosen Zeitläuften angereichert haben mögen – der Teufel, Höllenfürst oder zumindest ein besonders relevanter Vertreter dieser Gruppe von Arschlöchern gilt gemeinhin als „Herr der Fliegen“ (vgl. William Golding: Lord of the flies, vor Jahrzehnten Standardlektüre im Englischunterricht der gymnasialen Mittelstufe). Dieser Herr kann nun: a) Ein Wesen von ziegenbockartiger Gestalt, ein Satyr bzw. Faun mit entsprechender Affinität zum Wein sein (und in der Tat neigen zumindest drosophilidae dem Wein zu). Tendenziell also etwas Griechisches.

Oder er kann: b) Ein Fliegendämon in Fliegengestalt sein, der wahlweise im Kot oder im Leichnam lebt, was wiederum, laut Wikipedia, zoroastrisch also altpersisch sein könnte.

Doch egal ob griechisch oder persisch, die Wikipedia-Abbildung zeigt etwas Komisches, nämlich einen Dreiflügler, also keine Fliege. Vielleicht eine Dämonenfliege, die den Einteilungen der Taxonomen dämonenüblich Hohn spricht? Eher scheint mir, daß der Fliegenfürst erkenntniskritisch gesehen ein hoax ist, eine Wanderlegende, eine Yuccapalmenspinne. Ontologisch betrachtet ist er eine Vorform des Wolpertingers oder der Elwetritsche.

Klar hingegen scheint: Auch Priester, obwohl Schöpfungsverweser, mögen keine Fliegen (und zwar nicht nur in Reifenberg,  s.o.). Aber warum? Vielleicht, weil Fliegen, so lehrt uns die Slawistik[6], für das „Dionysische“ stehen. Das Dionysische ist für das Apollinische, was Kickers Offenbach für Eintracht Frankfurt ist (Hinweis für Allergiker: dies ist der einzige Fußballvergleich in diesem Text). Im Unterschied zu Kickers Offenbach und dem apollinischen Dingsda werden die Fliegen uns vermutlich überleben, welche Ahnung ihnen seit alters her Haß beschert. Ob es ein Motiv für noch weitaus mehr Haß sein könnte, daß Fliegen sogar im Verdacht stehen, die Entstehung des Monotheismus zumindest begünstigt zu haben[7]? Die alten Griechen hatten gleich mehrere Götter, Halbgötter und Heroen für den Fliegenkampf aufgeboten, keiner hatte Erfolg. Ein einziger, wirklich allmächtiger Gott könnte da vielleicht aufräumen – was er denn auch tat, mittels eines hinlänglich bekannten Tricks: Uns winkt das ewige Leben. Tieren aber nicht.

Aber bis wir uns darin eingenistet haben, wird uns das Geschmeiß plagen. In der spekulativen Philosophie steht die Fliege denn auch für Hegels „schlechte Unendlichkeit“. Die Ewigkeit dagegen, das nunc stans, ist nicht ihr Habitat. Somit mag sich der Mensch von ihr verabschieden, allerdings nur spekulativ, er mag mit einem letzten Staunen „diesen schwarzen Dings“ (Ernst Jandl) betrachten, ihn vorsichtig zwischen Zeigefinger und Daumen haltend, close.

Die letzte Einstellung von „Der Illusionist“. Kein Satan. Kein Gegenspieler des Satans. Nur schlechte Unendlichkeit.

Und so schließt sich der Kreis. Denn wie die Fliege ist auch DADA schlechte Unendlichkeit, was aber bedeutet: DADA  siegt! Wie die Fliege. Fliegen existierten lange vor uns, DADA (nicht der Dadaismus) entstand gleichursprünglich mit menschlichen Gesellschaften, als deren Kitt und Schmieröl gleichermaßen. Und wie das DADA-Tier auf unseren Fliegenprackern, Nerven und Nasen herumtanzt, hockt DADA auf Verträgen, putzt sich auf dem Steuerbierdeckel, krabbelt über das Konferenzgebäck der Gebietskörperschaften und Redaktionen, schwebt durch die Gremien dieser Welt und summt Sachen wie: wir die geltenden rindertalg gesetze konsequent anwenden müssen dicke bretter bohren wo ottos mops kotzt menschen sind werden Fehler gemacht sein ein goethen-spruchen ich kann und werde mich zu einem laufenden jolifanto bambla o falli bambla verfahren nicht äußern um stöhnend drauf zu sitzen du wunder premium mensch wichtigste ressource einer leuchtturmprojektexportnation wohin diese sudelburschen geraten würden wenn sie aufhörten alternativlos ölphotos zu wichsen

Die später „Dadaisten“ genannten Menschen hatten 1916ff. viel Mühe darauf verwandt, die schlichte Erkenntnis  vom nackten Kaiser zu variieren, ein im Kern soziologisches Projekt: Das Konstituens von Gesellschaft freilegen, indem man Buchstabenfolgen aufschreibt oder auf der Bühne bellt. Eine direkte Anknüpfung an die aristotelische Engführung des politischen Tiers mit Sprache.  Über die Initialzündung dieses Projekts hat der Chef eine charmante Legende in Umlauf gebracht: Alles begann mit dem zweimaligen Angeflogen- Verzeihung: Angerufenwerden Hugo Balls durch Dionysius Areopagita. DA. DA.

Einst schwirrte ein Mystiker durchs Hirn eines Mannes aus Pirmasens.

I say buzz, buzz, buzz and it’s just because …

 

[1] Gregor Eisenhauer: Die Fliege, die Kunst und der Tod. Zur Geschichte eines humoristischen Motivs, in: Deutsche Vierteljahresschrift für Literaturwssenschaft und Geistesgeschichte, 1994, S.364ff.

Rolf Cantzen: Das summende Nichts. Fliegen in der Weltliteratur. Deutschlandradio Kultur v. 14.12.2003 (Gewährsmann des Radioessays ist der Slawist Aage Hansen-Löve), download des Manuskripts über http://www.swr.de/-/id=11726024/property=download/nid=660374/1xob20r/swr2-wissen-20130829.pdf

Christoph Leitgeb: Schwirren statt Schweben. Der ironische Tod österreichischer Fliegen, in: Martens, Ruthner, de Vos (Hg.): Musil anders. Neue Erkundungen eines Autors zwischen den Diskursen. Bern 2005, S.111ff.

Sehr viele Hinweise in: http://community.seniorentreff.de/forum/board/Lukian-Die-Fliege;tpc22,319743,1

[2] Die Dipterologie gibt es zwar auch als eudaimonia rund ums ochsenblutfarbene Holzhaus: Fredrik Sjöberg: Die Fliegenfalle. Über das Glück der Versenkung, 2008, Eichborn. Der Autor ist allerdings Schwebfliegenforscher und folglich (laut Expertise meines Informanten) ein „Weichei“.

[3] Vgl. die Übersetzung von Raoul Schrott, in: Raoul Schrott (Hg.): DADA 15/25. Dokumentation und chronologischer Überblick zu Tzara + Co., Köln 2004, S. 344

[4] Mobbing ist, jemandem zu unterstellen, er beschäftige sich damit, Insekten auszustopfen. Entomologen jedenfalls fertigen ihre Präparate mittels chemischer Verfahren.

[5] Vgl. Eisenhauer, S. 380f.

[6] Vgl. Cantzen 2003. Warum eigentlich tauchen in der Literaturfliegensekundärliteratur so viele Russen und Österreicher auf? Waren die mal verbündet?

[7] Launig Eisenhauer, S. 365